Neue Galerie Gladbeck
Neue Galerie Gladbeck

ROSE WYLIE

Use What You’ve Got

05. Mai – 23. Juni 2017

Eröffnung: Freitag, 05. Mai, 19.30 Uhr

Zur Eröffnung spricht Ludger Kreyerhoff, Vorsitzender des Vorstandes der Sparkasse Gladbeck

Die Einführung hält Magdalena Kröner, Freie Autorin

Rose Wylie: NK (Syracuse Line-Up) 2014, Oil on Canvas, 185 x 333 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Rose Wylie: NK (Syracuse Line-Up) 2014, Oil on Canvas, 185 x 333 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

In der Neuen Galerie Gladbeck haben sich in den letzten Jahren viele wichtige Protagonisten der neuen Szene figurativer und narrativer Malerei vorgestellt. Nach der letzten Gruppenausstellung „Spekulativer Realismus“ knüpfen wir hier nochmal an und sind hocherfreut eine Auswahl von Werken der 83jährigen Ausnahmekünstlerin Rose Wylie, zur Zeit wohl eine der bedeutendsten Vertreterinnen eines zeitgemäßen, nennen wir es: „Metaphorischen Realismus“, zeigen zu dürfen. Wie gewohnt hat die eigenwillige englische Malerin den Subtitel ihrer Ausstellung „Use What You’ve Got“ selbst bestimmt. Hinter dieser Wahl des Mottos verbirgt sich vermutlich ein doppelter Hintersinn. Es mag für sie selbst eine Art Leitfaden bei der Verwendung zumeist „poverer“ Produktionsmittel sein, kann aber auch gleichzeitig als Appell an den Betrachter zu verstehen sein, ihre mit vielfältigen und mehrdeutigen Narrationen befrachteten Gemälde als das zu nehmen, was sie sichtbar referieren und demnach wirklich sind: Anekdotische oder illustrative  Reste oder Extrakte mögen bei der Umsetzung von bewegten und erzählenden Bildern in Malerei immer übrig bleiben, sie will jedoch mehr sein als nur formal elegante Peinture mit reizvollen Collagen vorgefundener Fragmente und Sequenzen von Fotos und Filmen, und schon gar keine oberflächlich-witzigen Kommentierungen derselben. Wylies Bilder, insbesondere die Film Notes, haben den Anspruch eigenständige Erfindungen von optischen Sensationen in Echtzeit-Malerei zu sein, in der durch inhärente Schichtungen und Montagen von eingepassten Collagen-Stücken ein Zusammenspiel entsteht, dass sich wiederum völlig neuen Bezügen eröffnet.

Wylies Darstellungen, die manchmal vordergründig und als Schnellmalerei wie hingerotzt erscheinen, verallgemeinern dargestellte Figuren und Objekte durch harte Konturen holzschnittartig, grob, roh, grell, cartoonesk, zupackend wie Comics – eine Art Anti-Genre-Malerei, die gegen sich selbst und die mühsam angelernte eigene Tradition gerichtet kämpft. Bei souveräner Beherrschung ihrer Mittel werden die traditionellen ästhetischen Prinzipen ihrer Komposition und Subordination so heftig durchgeschüttelt und -gerüttelt, jedenfalls so gut gemixt, dass innere Zusammenhänge trotz der ewig gleichen Geschichten wie bei den Altarbildern der Gotik durch standardisierte Textbänder (wie auch damit die Glaubensinhalte) doppelt gut verschnürt erscheinen. Sie fungieren als Lernhilfen wie fremdsprachige Manuals ohne Sinn oder als eine Art nachträgliches aber überflüssiges Drehbuch. Der Duktus ihrer Schrift verläuft demgemäß auch noch schlecht lesbar gegen die Schreibrichtung und wirkt dadurch  kindhaft und täuscht krampfhafte Stabilität vor, wird aber deshalb gelesen. Ihre Figuren laufen manchmal ohne sofort erkennbaren Plot auch ohne Textmarkierungen desorientiert ins Leere, stehen deplatziert herum oder landen in einem anderen falschen Bild. Gigantische Repoussoir-Figuren springen im Closeup scheinbar planlos in einen Bildraum hinein, andere verirren sich in einem solchen. Ein gelbes Propellerflugzeug rast im cartoonesken Sturzflug wie eine stechende Wespe auf den Betrachter zu.

Rose Wylie: Spider Frog & Bird 2015, Oil on Canvas, 170 x 549 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Rose Wylie: Spider Frog & Bird 2015, Oil on Canvas, 170 x 549 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Ein tiefer greifendes Interesse an Gestaltung manifestiert sich in Wylies Bildern nicht unbedingt erkennbar am Charakter der formalen Wiedergabe von Themen und Motiven, sondern findet sich versteckt (für uns nicht sichtbar) im Hintergrund eines „alchemistischen“ Prozedere der Bildfindung wie er unsystematischer selbst bei Klee oder Itten nicht sein könnte. Ausgehend von der Motivfindung bis hin zur Endmontage erscheinen ihre Gestaltfindungen als „geheime“ ekphrasische Expeditionen ins Ungewisse – auch wenn dies für viele wie ein Paradoxon klingen mag. Wylie systematisiert keine passenden Schlüsselszenen, die sklavisch verantwortlich oder metaphorisch bedeutend und typisch für den Verlauf eines Plots, einer Story oder ihrer Threads sind. Sie kombiniert individuell beeindruckende Szenen mit abgespeicherten Erinnerungsbildern in einem „Flow“ freier Assoziationen, die aus völlig unterschiedlichen Bereichen stammen können und inhaltlich überhaupt nicht zueinander passen müssen. Konsequent überschreitet sie dabei die Grenzlinien uralter Prinzipien von Malerei und markiert damit gleichsam ihren eigenen Neuanfang am aller schwierigsten Objekt: Der Rückführung von sich räumlich-zeitlich in einem Kontinuum befindlichen komplexen Filmbildern in das Vakuum (oder das „Nichts“) einer leeren, weißen Leinwand mit den traditionellen Projektionsmitteln der Malerei. Sie mag bei ihren Film Notes technisch und ästhetisch, formal und inhaltlich, von den Erfahrungen aus der Herstellung und Produktion analoger und digitaler bewegter Bilder profitieren können, eine Eins-zu-eins-Umsetzung (wie bei einer Kopie) ist jedoch nicht beabsichtigt und auch nicht ratsam. Ihre Vor-Bilder, Skizzen oder übernommene Fragmente aus Filmen stellen nur die Basis oder die Plattform von konstituierenden Momenten eines neu entstehenden Eigen-Bildes her.

So spiegelt bei Girls in Light z.B. kein Amor mit Spiegel die unsichtbare und verdeckte Scham von Diego Velázquez wunderschöner Rokeby-Venus wider, das Spiegelbild vom Ideal wird degradiert zu einem banalen  Rückenakt, der sich befreit von jeglichem ästhetischen Brimborium erotisch und dekorativ in einer Lichterkette von Weihnachtskerzen herum räkelt. Keiner weiß wofür und warum. Zusätzlich wurde die Banalität der Szene  inspiriert durch ein Foto von Kate Moss, die mit aufreizenden Knickers für das Hochglanzmagazin Vanity Fair posierte. Jack Goes Swimming, ein Bild aus der Serie der Film Notes ist aus der Erinnerung gemalt, und greift eine Szene auf in der der Hauptdarsteller wohl sein Spiegelbild auf der Oberfläche eines Swimming Pools entdeckt hat, und springt. Wylie zeigt das Spiegelbild jedoch nicht  sondern eine andere springende Figur aus einem anderen Film. Zufälle, die überraschende Verbindungen miteinander eingehen, mögen sie noch so disparat sein, sind  typische Erscheinungen für Wylies Arbeit. Gezeigt werden auch riesige Breitwandformate (Triptychen), die an friesartige Sequenzen alt-ägyptischer Grabmalereien, die Motive kretischer Vasen bis hin zu der Zeit der von ersten Bewegtbildern inspirierten Malerei des futuristischen Dynamismus, ganz entfernt sogar an Hodlers Symbolismus erinnern. Figuren die einerseits auf dem Boden der real-ästhetischen innerbildlichen Grenze stehen und sich als Einzelfiguren in Bewegungsabläufen positionieren oder abwickeln lassen, andererseits aber auch im Closeup rasanter Kamerafahrten in den Vordergrund gezogen werden oder wie durch ein Weitwinkelobjektiv in einem raumgreifenden Panoramabild wie nebensächlich abgestellt erscheinen. Und immer wieder finden wir Einblicke durch die Enge eines Fensters oder eines Gucklochs in einen Innen-oder Außenraum.

Rose Wylie: Inglorious Basterds 2010, Oil on Canvas, 181 x 338 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Rose Wylie: Inglorious Basterds 2010, Oil on Canvas, 181 x 338 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Wylies Neuentdeckungen sind die unendlichen Ressourcen des Internets: Mit Google oder Instagram ist es möglich die eigenen abgespeicherten visuellen Erinnerungen präzise zu erweitern und zu systematisieren. Ihr fotografisches Gedächtnis fischt aus dem überschwappenden Reservoir ihrer abgespeicherten visuellen Erinnerungen die noch lebendigen Vor-Bilder heraus und stellt sie dabei zurückerinnernd wieder in den Kontext eines hintergründig sich mit abspulenden oder heimlich mitarbeitenden kollektiven Gedächtnisses.

Ganze Gesellschaften sind in ihrem vorrevolutionären Zustand überhaupt nicht mehr in der Lage, eine dringend gebotene Rückenteignung der aus ihrem eigenen Blickfeld geratenen völlig entfremdeten industriellen visuellen Massenkultur zu vollziehen. Jeglicher Versuch trifft dabei brutal und massiv wie nie zuvor auf die  Inhalte einer abgedrehten hochgerüsteten und menschenfeindlichen Kultur der Medien, zu deren Enttarnungen und Bloßstellungen Bilder Wylies mit ihren anarchischen subversiven Strategien und dem alternativen Angebot ihrer Dekodierungen durch spontanem Genuss zumindest beitragen können. Lediglich die Kunst ist ein wenig „freier“. Ein generell humanes menschliches  Bedürfnis trifft gleichsam auf eine anschwellende subjektive Gier nach einem „unschuldigen“ Blick auf das ganze Leben und auf dessen spontanen Genuss. Und damit wiederum auf eine „freiere“ Kunst mit ihren dazugehörigen Bildern.

Text: Karl H. Lötzer (Freier Kurator und Autor)

Zur Ausstellung erscheint exklusiv eine Edition in einem Set von 25 Porträtblättern in einer Auflage von 20 Stück (60 x 40 cm). Die Mappe wurde produziert und herausgegeben bei Jose Aloy Poligrafa Obra Gràfica Barcelona.

Die Präsentation der Auswahl von etwa drei Dutzend Bildern unterlag den dafür eher begrenzten räumlichen Bedingungen der Neuen Galerie, dennoch glauben wir, dass uns die komplizierte Hängung der riesigen Formate (meist breitformatige Diptychen und Triptychen), bei denen es sich zum Teil jetzt schon bei einigen um bedeutende Schlüsselwerke handelt, an denen man keines Falls vorbeigehen wollte, gelungen ist. Und wir vermelden hiermit auch nicht ohne Stolz, dass die Ausstellung hier in Gladbeck überhaupt erst die zweite museale Ausstellung von Bilder Wylies in Deutschland ist.

Rose Wylie: Queen of Pansies (Dots) 2016, Oil on Canvas, 183 x 331 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Rose Wylie: Queen of Pansies (Dots) 2016, Oil on Canvas, 183 x 331 cm, courtesy Galerie CHOI&LAGER Köln

Biographische Skizze: Nach dem obligaten Kunststudium in jungen Jahren an der Folkstone und Dover School of Art heiratete sie 1957 mit Anfang Zwanzig den Maler Roy Oxlade (1929-2014), den Wiley  während des Studiums am Goldsmiths kennenlernte. Ihr Leben widmete sie fortan primär der Familie mit ihren drei Kindern, und entschied sich damit auf eine Karriere als Künstlerin für lange Zeit zu verzichten. Bekannt wurde sie auf Grund ihrer wohl außergewöhnlich attraktiven Erscheinung: als Porträtmodell für die Werbung von Luftschokolade, als „Aero-Girl“. Erst 1979-81 nimmt sie mit über zwanzig Jahren Zeitverschiebung ein neues Studium am Royal College of Art auf.

Rose Wylie hat ihre Jugendzeit, Studienzeit und die Jahre danach unter dem Einfluß der London School und der Ausstrahlung der New York School verbracht, wobei ihrem Mann eine besondere Bedeutung zukam. Dieser studierte zwei Jahre am Borough Polytechnic bei dem legendären Protagonisten der britischen Moderne David Bomberg (1890-1957), über den er später am Royal College of Art seine Dissertation („Bomberg and the Borough: An Approach to Drawing“) verfasste. Bomberg arbeitete von 1945 bis 1953 am Borough Polytechnic (an dem auch Frank Auerbach lehrte). Oxlade zählte mit Gustav Metzger oder Leon Kosoff zu Bombergs Schülern. Man kann daher davon ausgehen, dass seitdem im Hause Oxley/Wiley eigentlich fast alles, was sich in der Entwicklung von Kunst an der Schnittstelle zwischen Abstraktion, Neuer Figuration und Realismus (denen man auch den wolken-bruchartigen Einbruch der Pop Art in den 1960er zuschlagen kann) über ein halbes Jahrhundert bis dato getan hat, grenzenlos durchdiskutiert und experimentiert wurde. Roy Oxlade sagte in Kenntnis neuer Entwicklungen in der Malerei  voraus, dass er eine  Fortentwicklung aus den ausgefahrenen Wegen gegenständlicher Malerei im Konzept der Metaphorischen Moderne (im „metaphorical modernism“) sieht. Man benötigt wenig Einfühlungsvermögen, um bei der Durchsicht seiner Werke und beim Abspielen des sehenswerten Videos über seine Arbeit und Auffassung von Malerei dort auch die Berührungspunkte zum aktuellen Stand der idiosynkratischen Methodik von Rose Wylie zu finden. Wylie zählt ihn daher auch mit Recht zu den  ihr nahestehenden üblichen Verdächtigen als Vorbilder oder Weggenossen auf: dazu Guston, Basquiat und Schnabel – Polke und Kippenberger sollten dabei auch nicht vergessen werden. Und ein echter Außenseiter der Kunstgeschichte, der spät wieder entdeckt wurde: Bill Traylor (1854-1949), ein Autodidakt aus Alabama.

Die Neue Galerie Gladbeck dankt Rose Wylies Vertragsgalerien Choi&Lager (Köln/Seoul) und der Union Gallery (London) für ihre Unterstützung. Bei Choi&Lager in Köln läuft z. Zt. (noch bis zum 7. Mai) ebenfalls eine Wylie-Schau unter dem Titel Cupid & Fur Coat, die ausnahmslos bestückt ist mit ganz neuen Bildern. Stücke oder vergleichbare Stücke aus der Gladbecker Ausstellung waren zuvor in renommierten internationalen Galerien und Museen in aller Welt zu sehen (z.B. noch kurz zuvor bei Rudolf Zwirner in London). Rose Wylies nächste Solo-Ausstellung startet Ende Dezember dieses Jahres in der Serpentine Sackler Gallery in London.

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