“Windows on the World”
10. September bis 29. Oktober 2010
Kunst nach „nine eleven“
Das Moment der „strahlenden Schönheit der Katastrophe“ steht immer wieder im Focus der Kunst von Slawomir Elsner. So etwa in seiner Arbeitsgruppe „Kilotons“, 2007,: Auf den ersten Blick geht es hier um nichts als um Buntstiftzeichnungen in gleißenden Farben von Südseeinseln, wie wir sie alle aus Tourismusbroschüren kennen. Der zweite Blick aber verrät, dass es sich bei dem strahlenden Licht im Hintergrund um atomare Detonationen handelt, die dort zu „Testzwecken“ stattgefunden haben.
Die aktuelle Werkgruppe „Windows on the World“, 2008, besticht ebenfalls zunächst durch ihr furioses Lichtspiel und ihre sinnliche Schönheit. Und wieder treten konzeptuelle Momente bei diesen großformatigen Buntstiftzeichnungen auf den ästhetischen Masterplan. Die Zeichnungen sind nämlich nach Photos gemacht, die Elsner 2001 aus und in dem damals noch stehenden World Trade Center in New York gemacht hat, genauer: aus den Fenstern des Clubs „Windows on the World“ und in dem Club selbst im 107. Stock des Gebäudes. Minutiös hat der Künstler diese Photos mit seinen Buntstiften und dessen flirrenden Farben auf das Format 1.68 m x 1.10 m übertragen Zu sehen sind dann Blicke in alle Himmelsrichtungen, in Richtung New Yersey und Brooklyn z. B., sowie das Interieur des Clubs.
Spannend sind an dem Projekt „Windows on the World“ neben den faszinierenden Oberflächen die nun näher zu beschreibenen konzeptionellen Ansätze, die aus dem Zusammentreffen vermeintlich unterschiedlicher Aspekte resultieren. So treten hier die Medien Photographie und Zeichnung in einen produktiven Dialog ein und die Gegensätze von individueller Erfahrung bzw. Erinnerung und kollektivem Gedächtnis treffen knisternd aufeinander.
Zunächst zu Ersterem: Der gestrichelte Farbauftrag Elsners folgt der Vorlage der Photographien scheinbar sklavisch, noch die Fehler des Apparates, unbeabsichtigte Verwackler etwa, werden von ihm nachvollzogen. Gleichzeitig verstärkt das große Format die Wirkung der fast schon grellen Bilder. Das Ergebnis ist dann ein beinahe malerischer Eindruck. Verschiedene Gesten also durchdringen sich hier, die des touristischen „Schnappschusses“, die der dokumentierenden Zeichnung und schließlich die der malerischen Impression, und lösen ihre Gegensätze in dieser Durchdringung beinahe auf.
Die Widersprüche von individueller Erfahrung und kollektivem Gedächtnis schließlich machen „Windows on the World“ zu einem so subtilen wie angenehm undramatischen Denkmal für „nine eleven“: Die Normalität der mit dem Photoapparat festgehaltenen Blicke Elsners, die nun niemals wieder herzustellen ist, ruft die gewaltsame Zerstörung des World Trade Centers gerade dadurch ins Gedächtnis zurück, dass eben nicht die längst zum Klischee gewordenen Bilder der „einstürzenden Türme“ einmal mehr wiederholt werden. Gleichsam der einst real-existierende visuelle Alltag des Clubs mahnt so an dessen Vergänglichkeit. Und dies ohne moralischer Attitüde oder politischer Anklage.
Flankiert werden die „Windows on the World“ von den Zeichnungen „Window 1- 3“, 2008. In diesen hat Elnser schwarze Pinwände mit kleinen bunten Zetteln in fast schon abstrakter Weise gezeichnet, eben solche Pinwände, wie sie die New Yorker nach dem 11. September 2001 nutzten, um die Namen von vermissten Angehörigen aus dem World Trade Center zu veröffentlichen. Die Opferperspektive von „nine eleven“ scheint so expliziter auf als in den „Windows on the World“, dennoch bleibt diese in der Tendenz zur Abstraktion verhalten und rücksichtsvoll.
Raimar Stange
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